„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“
So formulierte es der Dichter Joachim Ringelnatz – ein Satz, der gerade zum Jahresanfang eine besondere Bedeutung bekommt.
Wie ist es bei dir? Hast du dir für dieses Jahr Lernziele gesetzt? Vielleicht schulische Ziele, eine Weiterbildung, den Abschluss eines Projekts? Oder gehörst du eher zu denen, die Neujahrsvorsätze inzwischen mit Skepsis betrachten – weil die Erfahrung zeigt: Vieles läuft anders als geplant.
Die letzten Jahre haben deutlich gemacht, wie schnell sich Rahmenbedingungen verändern können. In der Corona-Zeit wurden Lern- und Lebenspläne von heute auf morgen hinfällig. Aktuelle Entwicklungen im Bereich KI verändern rasant, was und wie wir lernen. Und auch ganz persönlich gilt: Prioritäten verschieben sich, Lebenssituationen ändern sich oder Interessen entwickeln sich weiter.
Viele Menschen starten mit klaren Zielen und stellen nach einigen Monaten fest, dass nichts mehr passt. Die Fragen, die dann auftauchen, sind oft selbstkritisch:
„War das ein Fehler? Habe ich versagt? Hätte ich es lieber gleich lassen sollen?“
Die gute Nachricht: Es gibt eine andere Perspektive auf Ziele und gescheiterte Pläne. Eine, die uns ins Handeln kommen lässt, aber nicht so hart mit uns ins Gericht geht, wenn es mal nicht klappt.
Die Funktion von Zielen neu denken
Daher lohnt zunächst ein Blick darauf, was Ziele eigentlich sein können – jenseits von SMART-Kriterien und Erfolgsmessung.
Der Psychologe und Begründer der Hypnosystemik Gunther Schmidt nutzt dafür die Metapher des Polynesischen Segelns. Polynesische Seefahrer starteten ihre Reisen ohne festgelegten Zielpunkt. Sie orientierten sich an Wind, Strömungen und Sternen und reagierten flexibel auf das, was sich unterwegs zeigte. Entscheidend war nicht, einen bestimmten Punkt zu erreichen, sondern in Bewegung zu kommen und zu bleiben.
Schmidt überträgt diese Haltung auf unsere Lebensgestaltung:
„Die Funktion eines Ziels ist nicht, es zu erreichen – sondern in Bewegung zu kommen.“
Das klingt zunächst ungewohnt, verändert aber den Blick grundlegend. Ziele werden zu Startimpulsen statt zu Verträgen mit der Zukunft. Zu Einladungen, loszugehen – mit der Erlaubnis, den Kurs unterwegs zu verändern.
Konkret bedeutet das:
- Ziele dürfen sich anpassen, wenn sich Rahmenbedingungen ändern
- Pläne dürfen über Bord gehen, wenn sie nicht mehr passen
- Kurskorrektur ist kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses
Gerade in unsicheren Zeiten kann diese Haltung entlasten. Sie erlaubt Bewegung ohne Starrheit – und Orientierung ohne Selbstüberforderung.
Doch was, wenn ein Ziel bereits als „gescheitert“ erlebt wird? Wenn der Plan nicht aufgegangen ist? Hier helfen drei systemische Perspektiven:
Drei Perspektiven auf gescheiterte Lernziele
1. Würdigung statt Abwertung – Was ist trotzdem entstanden?
Die erste Reaktion auf ein nicht erreichtes Ziel ist oft Selbstkritik:
„Ich hab’s nicht geschafft.“
„Ich hätte mehr durchhalten müssen.“
Wenn wir uns selbst stattdessen etwas freundlicher begegnen wollen, können wir uns fragen:
- Was habe ich ausprobiert?
- Was habe ich dabei über mich gelernt?
- Welche Fähigkeiten oder neue Optionen sind entstanden?
Nicht im Sinne von „alles positiv sehen“, sondern ehrlich hinschauen: Welche Erfahrungen, Erkenntnisse oder Fähigkeiten hast du gewonnen, weil du losgegangen bist?
Beispiel: Tim und sein Bildungsweg
👤 Tim ist nach der Realschule auf die gymnasiale Oberstufe gewechselt. Sein Plan: Abitur, danach Studium. Er möchte sich alle Optionen offenhalten.
Nach anderthalb Jahren merkt er: Der recht theoretische Unterricht passt nicht gut zu seinen Interessen. Ihm fehlt der Praxisbezug, seine Motivation sinkt. Schließlich entscheidet er sich, das Gymnasium mit dem Fachabitur zu verlassen und beginnt eine technische Ausbildung.
Seine erste Deutung lautet:
„Ich habe zwei Jahre verplempert – die Ausbildung hätte ich auch mit dem Realschulabschluss beginnen können. Ich hätte das Abi durchziehen müssen.“
Beim genaueren Hinsehen zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Tim hat erfahren, dass praxisnahes Lernen besser zu ihm passt. Er hat erkannt, welche Lernform seine Motivation stärkt – und welche eher nicht. Zudem hat er sich mit dem Fachabitur eine Option offengehalten: Nach der Ausbildung kann er weiterhin ein Fachhochschulstudium anstreben – ein Weg, der ihm mit dem Realschulabschluss nicht so leicht offen gestanden hätte.
Und auch sonst sind die zwei Jahre nicht „verplempert“: Tim ist persönlich reifer geworden, hat gelernt, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden, Verantwortung zu übernehmen und neue Kontakte zu knüpfen. Erfahrungen, die ihm heute einen stabileren und selbstbewussteren Start in die Ausbildung ermöglichen.
2. Funktion statt Fehler – Wozu könnte es gut gewesen sein?
Auch wenn sich Scheitern unangenehm anfühlt, erfüllt es immer auch eine Funktion. Fragen wir uns also:
- Wozu könnte das Nicht-Gelingen gut gewesen sein?
- Was hat es ermöglicht, verhindert oder geklärt?
Beispiel: Julia und die Masterarbeit
👤 Julia plant ihre Masterarbeit in Psychologie in den nächsten sechs Monaten zu schreiben. Thema und Betreuung passen – trotzdem kommt sie kaum voran. Sie schiebt auf, zweifelt an sich und bleibt immer wieder hängen.
Parallel arbeitet sie nebenbei in einer Klinik. Dort erlebt sie erstmals intensiv den praktischen Berufsalltag – und merkt: Hier will sie hin. Nicht in die Forschung, sondern in die Praxis.
Rückblickend hat das Aufschieben also die Funktion, einen inneren Konflikt sichtbar zu machen, der Julia gar nicht bewusst war.
Julia entscheidet sich, die Arbeit pragmatischer anzugehen – nicht perfekt, sondern gut genug – und beginnt danach eine therapeutische Ausbildung. Die Erfahrung des „Scheiterns“ hat ihr also gezeigt, wo sie wirklich hin möchte.
3. Versöhnung mit dem früheren Ich – Wie würdest du dir selbst begegnen?
Oft beurteilen wir frühere Entscheidungen mit dem Wissen von heute. Wir wissen, wie es ausgegangen ist – und vergessen, was wir damals noch nicht wissen konnten.
Beispiel: Stefan und die abgebrochene Weiterbildung
👤 Stefan beginnt eine berufsbegleitende Weiterbildung im Marketing. Nach neun Monaten erkrankt sein Vater schwer, familiäre Verantwortung kommt hinzu. Stefan bricht die Weiterbildung ab. Seine Gedanken:
„Falsche Entscheidung. Viel Geld in den Sand gesetzt. – Wie konnte ich damals nur so blauäugig sein?!“
Stattdessen könnte er sich aber auch fragen:
Wie würdest du dem Stefan begegnen, der diese Entscheidung getroffen hat – mit den Informationen von damals?
Der damalige Stefan wusste nicht, wie sich seine familiäre Situation entwickeln würde oder wie hoch die Belastung einer berufsbegleitenden Weiterbildung wirklich werden würde.
Er hat aus seiner damaligen Situation heraus sinnvoll gehandelt. Und er hat dabei gelernt: Heute würde er eine andere, passendere Form der Weiterbildung wählen. Die neun Monate und das investierte Geld waren also nicht umsonst.
Fazit: Bewegung ist das Ziel
„Sicher ist, dass nichts sicher ist.“
Das kann lähmen – oder entlasten. Entlastend wird es, wenn Ziele nicht als starre Verpflichtungen verstanden werden, sondern als Startpunkte. Wenn Umwege zur Landkarte dazugehören. Wenn Scheitern nicht das Ende der Bewegung ist, sondern eine Richtungsänderung.
Die drei Perspektiven – Würdigung, Funktion und Versöhnung – helfen, aus vermeintlichen Misserfolgen zu lernen, ohne sich kleinzumachen. Sie ersetzen Selbstvorwürfe durch Selbstmitgefühl und setzen Energie frei für den nächsten Schritt.
Denn am Ende zählt nicht, ob jedes Ziel erreicht wird, sondern ob die Bewegung weitergeht.




