#127 - Über den Dunning-Kruger-Effekt

3 Gedanken, wenn Lernen sich plötzliche schwerer anfühlt

 

„Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ – Johann Wolfgang von Goethe

 

Am Anfang fühlt sich vieles klar an. Man bekommt einen ersten Überblick, versteht die Grundidee – und hat das Gefühl: So schwer ist das doch gar nicht. Das kriege ich hin.

 

Doch je tiefer man einsteigt, desto mehr Fragen tauchen auf. Zusammenhänge werden komplexer, Ausnahmen sichtbarer. Und plötzlich wirkt das, was vorher einfach schien, deutlich weniger eindeutig.

 

Das kann sich wie ein Rückschritt anfühlen.
Ist es aber oft nicht.

 

Es ist ein Übergang – und einer der wichtigsten im gesamten Lernprozess.

 

Was der Dunning-Kruger-Effekt damit zu tun hat

 

Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschrieben 1999 ein Phänomen, das viele intuitiv kennen: Menschen mit wenig Erfahrung in einem Bereich neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Nicht aus Arroganz – sondern weil ihnen das Wissen fehlt, um die eigenen Lücken überhaupt zu erkennen.

 

Und umgekehrt: Wer tiefer einsteigt, beginnt zu sehen, wie viel er noch nicht weiß. Genau in diesem Moment wächst die eigene Kompetenz – und gleichzeitig oft die Unsicherheit.

 

Das Modell beschreibt vier Phasen, die sich im Lernprozess immer wieder zeigen:

  • Unbewusste Inkompetenz: Man weiß nicht, was man nicht weiß. Alles wirkt überschaubar.
  • Bewusste Inkompetenz: Man erkennt die eigenen Lücken. Das fühlt sich oft wie ein Rückschritt an – ist aber Fortschritt.
  • Bewusste Kompetenz: Man kann etwas, muss sich aber noch konzentrieren. Es kostet Aufwand.
  • Unbewusste Kompetenz: Das Können ist verinnerlicht. Es läuft – ohne großes Nachdenken.

Der schwierigste Übergang liegt zwischen der ersten und zweiten Phase.


Nicht, weil er besonders lange dauert – sondern weil er sich falsch anfühlt.

 

Wie sich das im Alltag anfühlt

 

👤 Jana, Abiturientin, bereitet sich auf ihre Biologie-Prüfung vor. Am Anfang läuft es gut: Sie versteht die Grundbegriffe, ihre Zusammenfassungen sind ordentlich, und sie hat das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein.

 

Dann beginnt sie, Aufgaben aus alten Prüfungen zu bearbeiten. Und plötzlich merkt sie: Sie kann vieles wiedergeben – aber sobald es um Zusammenhänge geht, gerät sie ins Stocken.

 

Ihr erstes Gefühl:

Ich habe nicht genug gelernt. Ich bin schlechter als ich dachte.

 

Was sich für sie wie ein Rückschritt anfühlt, ist in Wirklichkeit etwas anderes:


Sie hat die erste Phase verlassen. Sie sieht jetzt, was sie vorher noch gar nicht erkennen konnte.

 

Solche Momente zeigen sich in ganz unterschiedlichen Lernkontexten – in der Schule, im Studium oder im Beruf. Immer dann, wenn Inhalte komplexer werden, entsteht dieser Punkt, an dem das eigene Verständnis unsicherer wirkt als zuvor.

 

Nicht, weil weniger da ist.
Sondern weil mehr sichtbar wird.

 

Genau das ist der Übergang von „Ich weiß es“ zu „Ich merke, was ich noch nicht weiß“.


Und genau dort beginnt oft echtes Lernen.

 

Drei Anzeichen, dass du schon weiter bist, als du denkst

 

Wer mitten in diesem Übergang steckt, erkennt den eigenen Fortschritt oft nicht. Das ist kein persönliches Problem, sondern Teil des Prozesses.


Drei Hinweise, dass Entwicklung bereits stattfindet:

 

1. Du merkst schneller, was du noch nicht verstehst.

 

Früher dachtest du: „Klar.“
Heute merkst du: „Da fehlt noch etwas.“

Das wirkt wie ein Rückschritt – ist aber ein Zeichen für mehr Differenzierung. Dein Blick ist genauer geworden.

 

2. Du stellst andere Fragen.

 

Nicht mehr nur: „Wie geht das?“
Sondern: „Warum funktioniert das so?“ oder „Wann eigentlich nicht?“

Du suchst nicht mehr nur nach Antworten – sondern nach Zusammenhängen.

 

3. Du stolperst über Dinge, die dir früher gar nicht aufgefallen wären.

 

Nicht, weil sie vorher nicht da waren.
Sondern weil du nicht mehr darüber hinweggehst.

Was früher einfach „durchging“, bleibt jetzt hängen. Und genau darin zeigt sich Entwicklung.

 

Ein Gedanke dazu:

Stell dir vor, dein zukünftiges Ich würde auf dich schauen.


Jemand, der das, womit du gerade ringst, schon durchlaufen hat.

Was würde es dir sagen?

 

Wahrscheinlich nicht:
„Du bist noch nicht gut genug.“

 

Sondern eher:
„Diesen Punkt kenne ich. Genau hier wird es tiefer.“

 

Was sichtbar wird, wenn der schwierige Teil vorbei ist

 

Lernen verläuft selten linear.
Es gibt Phasen, in denen Fortschritt kaum spürbar ist. Phasen, in denen der Zweifel wächst, je tiefer man einsteigt. Und Phasen, in denen sich – oft unbemerkt – etwas setzt.

 

Vielleicht hast du in den letzten Wochen mehr verändert, als es sich im Moment anfühlt.
Deinen Blick. Deinen Umgang mit Unsicherheit. Deine Art zu lernen.

 

Und vielleicht ist genau jetzt ein Moment, in dem sich erste Dinge klarer zeigen.

Vielleicht bist du nicht unsicherer geworden.
Vielleicht siehst du einfach mehr.

 

Drei Fragen zum Nachdenken

  • Woran merkst du, dass dein Zweifel eher aus Unsicherheit entsteht – und wann daraus, dass du tiefer eingestiegen bist?
  • Welches der drei Anzeichen erkennst du gerade bei dir – auch wenn es sich noch nicht wie Fortschritt anfühlt?
  • Was ist in den letzten Wochen bei dir gewachsen – auch wenn es lange nicht sichtbar war?