„Ich kann das einfach nicht.“ – „Ich bin zu schlecht für Mathe.“ – „Bei mir funktioniert Lernen nicht.“
Solche Sätze begegnen uns im Lerncoaching häufig. Lernende, die an sich zweifeln, sich selbst für unfähig halten oder glauben, dass ihnen bestimmte Fähigkeiten grundsätzlich fehlen.
Doch stimmt das wirklich?
In den allermeisten Fällen: nein. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich fast immer, dass Lernende in anderen Bereichen ihres Lebens überraschend kompetent sind. Sie spielen ein Instrument, treiben Sport, kümmern sich um Tiere, engagieren sich in Vereinen, organisieren Projekte oder meistern komplexe Spiele. Dabei zeigen sie Ausdauer, Struktur, strategisches Denken, innere Ruhe oder Frustrationstoleranz – all das, was sie auch fürs Lernen bräuchten.
Nur: Sie sehen die Verbindung nicht.
Reiten und Mathe erscheinen als zwei völlig getrennte Welten. Fitness-Studio und Abi-Vorbereitung scheinen nichts miteinander zu tun zu haben.
Die Ressourcen-Transfer-Mindmap setzt genau hier an.
Sie verbindet ressourcenorientiertes Coaching, Transferlernen und Embodiment und macht sichtbar, dass viele der fürs Lernen benötigten Fähigkeiten bereits vorhanden sind – nur in einem anderen
Kontext.
Im folgenden stelle ich die Methode vor, zeige zwei Praxisbeispiele und erläutere, warum dieser Ansatz so wirksam ist.
Die Ressourcen-Transfer-Mindmap – Idee und Nutzen
Die Ressourcen-Transfer-Mindmap ist eine strukturierte Coaching-Methode, die Kompetenzen aus einem vertrauten, positiv besetzten Bereich (beispielsweise Sport, Musik oder einem Hobby) sichtbar macht und gezielt auf das Lernen überträgt.
Das Grundprinzip:
Lernende entwickeln in Bereichen, die ihnen wichtig sind, oft eine beeindruckende Vielfalt an Fähigkeiten – häufig ohne dies bewusst wahrzunehmen. Diese Kompetenzen sind jedoch nicht auf diesen einen Bereich beschränkt. Sie sind übertragbar.
Ziele der Methode
- Selbstwirksamkeit stärken („Ich kann das schon – nur woanders.“)
- Defizitdenken in Kompetenzfokus verwandeln
- Emotionale Sicherheit beim Lernen fördern
- Konkrete Strategien aus einem Bereich auf das Lernen übertragen
Die fünf Schritte der Ressourcen-Transfer-Mindmap
Die Methode lässt sich in etwa 30–45 Minuten durchführen und folgt einem klaren Ablauf.
Schritt 1: Ressourcenfeld wählen
Zentrale Fragen:
„Worin bist du gut?“
„Was machst du gerne?“
„Wo fühlst du dich sicher oder kompetent?“
Möglich sind alle Bereiche, in denen Lernende echte Fähigkeiten entwickeln: Sport, Musik, Gaming, Ehrenamt, kreative Tätigkeiten etc.
Entscheidend ist, dass positive Erfahrungen und ein Gefühl von Kompetenz damit verbunden sind.
Schritt 2: Ressourcen-Mindmap erstellen
Zentrale Fragen:
„Was brauchst du in diesem Bereich?“
„Welche Fähigkeiten setzt du dort ein?“
„Welche Haltung unterstützt dich?“
In der Mitte steht das Ressourcenfeld (z. B. „Reiten“), drumherum werden alle relevanten Kompetenzen, Strategien und inneren Zustände gesammelt.
Schritt 3: Lern-Mindmap erstellen
Zentrale Frage:
„Was brauchst du fürs Lernen – oder für das konkrete Lernthema?“
Auf einem neuen Blatt entsteht nun die zweite Mindmap: „Mathe“, „Abi“, „Vokabeln“, „Prüfungsvorbereitung“ usw.
Gesammelt werden alle Fähigkeiten, die für erfolgreiches Lernen hilfreich sind.
Durch das Nebeneinanderlegen beider Mindmaps werden Überschneidungen meist schnell sichtbar.
Schritt 4: Verbindungen erkennen
Zentrale Fragen:
„Was davon kennst du schon aus deinem Ressourcenfeld?“
„Wie gehst du dort mit Herausforderungen um?“
„Welche Haltung hilft dir – und wäre für das Lernen ebenfalls hilfreich?“
Nun entsteht die Brücke zwischen beiden Bereichen. Beispiele:
- „Training“ = „Üben“
- „Ruhe bewahren beim Reiten“ = „Ruhe in der Prüfung“
- „Fehler abhaken beim Sport“ = „Fehler beim Lernen akzeptieren“
Metaphern unterstützen diesen Transfer auf emotionaler Ebene, z. B.:
„Eine Mathearbeit ist wie ein Turnier.“
„Die Prüfung ist ein Ausritt über unbekanntes Gelände.“
Schritt 5: Anker setzen
Zentrale Frage:
„Wie kannst du den hilfreichen Zustand aus deinem Ressourcenfeld auch beim Lernen abrufen?“
Mögliche Anker:
- eine Körperhaltung (z. B. „aufrecht wie im Sattel“)
- eine Geste (z. B. Schultern zurückrollen)
- ein Satz (z. B. „Ich habe die Zügel in der Hand“)
- ein kleines Symbol
Der Anker verbindet den vertrauten, starken Zustand mit dem neuen Kontext Lernen.
Praxisbeispiel 1: Vom Reiterhof ins Klassenzimmer
Ausgangssituation:
👤 Eine Schülerin der 6. Klasse reitet seit Jahren und ist im Stall ruhig, konzentriert und selbstsicher. In Mathe erlebt sie dagegen Prüfungsangst und Blackouts.
Ressourcenfeld aktivieren:
Die Schülerin sammelt Kompetenzen aus dem Reiten: ruhig bleiben, Vertrauen aufbauen, Geduld zeigen, aufrecht sitzen, Verantwortung übernehmen, vorausschauend denken, nach Fehlern weitermachen.
Lern-Mindmap erstellen:
Für Mathe nennt sie unter anderem: Konzentration, Mut, Ruhe, Aufgaben lesen, Schritt-für-Schritt-Arbeiten.
Transfer:
Die zentrale Metapher lautet: „Eine Mathearbeit ist wie ein Ausritt – die Aufgaben sind der Weg, schwierige Stellen sind Hindernisse.“
Die Frage: „Was machst du, wenn dein Pferd vor einem Hindernis nervös wird?“
Antwort der Schülerin: „Ich bleibe ruhig, atme durch und zeige: Ich habe die Kontrolle.“
Diese Haltung wird als Lernstrategie übertragen.
Anker:
Aufrechte Haltung aus dem Sattel und der Satz: „Ich habe die Zügel in der Hand.“
Praxisbeispiel 2: Vom Fitness-Studio zum Abi-Lernen
Ausgangssituation:
👤 Ein Abiturient trainiert regelmäßig im Fitnessstudio, strukturiert und diszipliniert. Beim Lernen fürs Abi gelingt ihm dieser Einstieg jedoch nicht.
Ressourcenfeld aktivieren:
Faktoren, die sein Training erfolgreich machen: Plan, Routinen, klare Ziele, Fortschritte tracken, Warm-up und Cool-down, Motivation durch Erfolge.
Lern-Mindmap erstellen:
Für das Abi-Lernen benennt er: Konzentration, Regelmäßigkeit, Ausdauer, Struktur, Pausen, sichtbare Zwischenschritte.
Transfer:
Die Frage: „Was machst du beim Training anders als beim Lernen?“
Antwort: „Im Training gibt es einen Plan – beim Lernen nicht.“
Die Idee: Lernen wie Training strukturieren.
Lernblöcke wie „Sets“, Wiederholung als „Warm-up“, kurze Reflexion als „Cool-down“.
Anker:
Satz: „Ich trainiere mein Gehirn.“
Körperhaltung: ruhige, fokussierte Trainingshaltung.
Warum die Ressourcen-Transfer-Mindmap wirkt
1. Selbstwirksamkeit stärken
Wer erkennt, dass Fähigkeiten bereits vorhanden sind, betrachtet Herausforderungen anders. Die Ressourcen-Transfer-Mindmap macht sichtbar: „Ich kann das schon – nur an anderer Stelle.“
2. Prüfungen emotional neu bewerten (Reframing)
Durch die Verbindung zu vertrauten Situationen verlieren Prüfungen an Bedrohlichkeit und werden als bewältigbare Aufgabe wahrgenommen.
3. Embodiment nutzen
Körperhaltung und innere Zustände sind eng verknüpft. Ein körperlicher Anker aktiviert ruhige, konzentrierte Zustände.
4. Implizites Wissen sichtbar machen
Viele Kompetenzen sind unbewusst. Die Ressourcen-Transfer-Mindmap macht sie explizit und übertragbar.
5. Positive Emotionen nutzen
Vertraute Hobbys sind emotional positiv. Diese positive Energie wird ins Lernen mitgenommen.
Tipps für die Praxis
Für die Anwendung der Ressourcen-Transfer-Mindmap haben sich einige Aspekte besonders bewährt:
Ein erster wichtiger Schritt ist die Wahl eines positiv besetzten Ressourcenfelds – eines Bereichs, in dem Lernende sich kompetent fühlen und echte Fähigkeiten entwickelt haben. Zufällige Tätigkeiten eignen sich hier weniger; entscheidend ist ein Bezug, der innerlich trägt.
Während der Arbeit ist es hilfreich, Lernende selbst formulieren zu lassen. Die Wirkung entsteht vor allem durch die Eigenaktivität. So wächst Selbstwirksamkeit bereits im Prozess.
Der Transfer zwischen beiden Mindmaps darf sich entwickeln. Parallelen müssen nicht sofort erkennbar sein; sie zeigen sich oft schrittweise durch gezielte Fragen.
Sehr unterstützend wirken zudem Metaphern und Bilder. Sie schaffen einen emotionalen Zugang und erleichtern das Erleben des Transfers.
Für den abschließenden Schritt sollte der Anker wirklich zur Person passen – ob Körperhaltung, Geste, Satz oder Symbol. Die Passung zählt mehr als die Form.
Und zuletzt: Nachhalten. Eine spätere Rückfrage („Wie ist es dir mit deinem Anker ergangen?“) stärkt die Verankerung und hält die Ressource im Alltag präsent.
Fazit
Die Ressourcen-Transfer-Mindmap ist eine wirksame Methode, um Lernende darin zu unterstützen, ihre bereits vorhandenen Stärken für das Lernen nutzbar zu machen. Sie zeigt:
Die Ressourcen sind da – sie müssen nur in den passenden Kontext übertragen werden.
Der Perspektivwechsel ist zentral:
Von „Ich kann das nicht“ zu „Ich kenne diese Kompetenzen bereits – ich bringe sie jetzt ins Lernen ein.“
Ob im Coaching, im Unterricht oder in der Selbstreflexion: Die Methode ist einfach, konkret und häufig schon nach einer Sitzung spürbar wirksam.




