#129 - Was uns in schwierige Lernphasen hilft

Bild der Wurzeln eines Baumes

 

Wer an einem stürmischen Tag einen Baum beobachtet, sieht vor allem die Bewegung der Äste – wie sie sich im Wind hin und herbiegen. Auf die Wurzeln fällt das Auge nicht sofort. Und doch sind sie der Grund, warum der Baum stehen bleibt.

 

Vielleicht ist es im Lernalltag gar nicht so unähnlich: Wenn wir gerade mit Gegenwind lernen, richtet sich unser Blick oft auf das, was nicht funktioniert. Dabei übersehen wir leicht, was uns Halt gibt und worauf wir bereits aufbauen können.

 

In diesem Artikel soll es um zwei Fragen gehen: Was passiert eigentlich, wenn Lernen unter schwierigen Bedingungen stattfindet? Und was hilft Menschen, durch solche Phasen zu gehen?

 

Lernen findet selten unter Idealbedingungen statt

 

Manchmal fehlt Zeit. Manchmal Ruhe. Manchmal Motivation. Manchmal die Unterstützung, die man sich wünschen würde – durch Lehrpersonen, Familie oder andere Menschen im Umfeld. Und manchmal kommt vieles davon gleichzeitig zusammen.

 

Gerade in solchen Phasen entsteht leicht das Gefühl, dass nichts richtig vorangeht, dass „ohnehin alles nichts bringt“. Der Stoff wird immer mehr, die Konzentration fällt schwer und Erfolgserlebnisse bleiben aus.

 

Wenn wir in solchen Situationen stecken, suchen wir verständlicherweise nach Erklärungen. Und oft finden wir auch überzeugende Kandidaten: zu wenig Zeit, ungünstige Rahmenbedingungen, fehlende Motivation – und manchmal auch einfach Pech mit einer Lehrperson.

 

Viele dieser Faktoren spielen tatsächlich eine wichtige Rolle.

 

Aber wenn sie die einzige Erklärung bleiben, wird es schwer, etwas zu verändern.

 

Vielleicht lohnt es sich deshalb, einen Moment innezuhalten und den Blick etwas zu weiten. Statt nur zu fragen, warum etwas schwierig ist, kann eine andere Frage hilfreich werden:

 

Welche Bedingungen beeinflussen mein Lernen gerade tatsächlich? Und auf welche davon habe ich Einfluss?

 

Das sind wichtige Fragen. Nicht weil sie Schwierigkeiten kleinreden, sondern weil sie den Blick von der Erklärung auf die Handlungsmöglichkeiten lenken.

 

👤 Beispiel: Lea, Schülerin im Abschlussjahr. Lea ist in der zwanzigsten Schulwoche. Der Unterricht ist anspruchsvoll, die Lehrerin in Mathematik erklärt in einem Tempo, bei dem sie kaum mithalten kann, und zuhause ist es gerade laut und unruhig.

 

Sie sitzt abends am Schreibtisch und denkt: „Das bringt ja eh alles nichts.“

 

Als sie sich fragt, was sie konkret ändern könnte, merkt sie: Das Tempo des Unterrichts kann sie nicht steuern. Auch die Situation zuhause lässt sich nicht von heute auf morgen verändern. Aber sie könnte eine Mitschülerin fragen, ob sie zusammen lernen wollen. Und sie könnte für heute einfach ein paar Basisaufgaben üben, statt das gesamte Thema angehen zu wollen.

 

Nicht alle Hindernisse verschwinden dadurch. Aber es kristallisiert sich heraus, was der nächste sinnvolle Schritt sein könnte.

 

Das ist kein Trick und keine Technik. Es ist eher eine kleine Haltungsverschiebung: weg von der Frage, warum etwas schwierig ist – hin zur Frage, was trotzdem möglich bleibt.

 

Der nächste sinnvolle Schritt

 

Manchmal reicht es schon, den nächsten sinnvollen Schritt zu gehen – statt darauf zu warten, dass alle Probleme zuerst gelöst sind. Nicht jeder Gegenwind muss sofort verschwinden, bevor man anfangen kann.

 

Das klingt einfach. In der Praxis ist es das oft nicht. Viele Menschen warten auf den richtigen Moment: auf mehr Motivation, mehr Ruhe oder mehr Sicherheit.

 

Doch dieser Moment lässt häufig länger auf sich warten, als uns lieb ist.

 

Die entscheidende Frage lautet dann vielleicht nicht:

 

Wie schaffe ich perfekte Bedingungen?

 

Sondern:

 

Was kann ich mit den Bedingungen anfangen, die gerade vorhanden sind?

 

Was uns Halt gibt – auch wenn wir es kaum sehen

 

Wenn wir mit Herausforderungen beschäftigt sind, richtet sich unsere Aufmerksamkeit fast automatisch auf das, was fehlt. Auf das, was nicht funktioniert. Auf das, was anders sein sollte.

 

Das ist menschlich.

 

Gleichzeitig geraten dadurch leicht die Dinge aus dem Blick, die uns bereits helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Zurück zum Baum: Die Wurzeln bleiben im Sturm unscheinbar. Und doch sind sie der Grund, warum er stehen bleibt.

 

Vielleicht gibt es auch im Lernalltag solche Wurzeln – Ressourcen, die im Alltag kaum auffallen, uns aber in schwierigen Phasen Halt geben:

  • Menschen, auf die man sich verlassen kann – auch wenn man sie selten um Hilfe bittet
  • Erfahrungen aus früheren Herausforderungen, die zeigen: Ich habe das schon einmal überstanden
  • Gewohnheiten und Routinen, die auch an anstrengenden Tagen ein wenig Struktur geben
  • Die Erinnerung daran, dass schwierige Phasen in der Regel irgendwann enden

👤 Beispiel: Tobias, Student im vierten Semester. Tobias steckt mitten in einer stressigen Prüfungsphase. Drei Klausuren in zwei Wochen, wenig Schlaf und das Gefühl, nicht genügend vorbereitet zu sein.

 

Als ein Freund ihn fragt, wie es ihm geht, erzählt Tobias von seinen Sorgen. Der Freund hört eine Weile zu und sagt dann:

„Hast du nicht vor einem Jahr etwas Ähnliches durchgestanden?“

 

Tobias muss kurz nachdenken. Tatsächlich war die Situation damals sogar noch unübersichtlicher. Auch damals war er überzeugt gewesen, dass er es nicht schaffen würde. Und trotzdem hat er die Prüfungen bestanden.

 

Diese Erinnerung löst die aktuellen Probleme nicht auf. Aber sie verändert, wie er in den nächsten Tagen an sie herangeht. Etwas ruhiger. Etwas zuversichtlicher. Nicht weil alles einfach geworden ist, sondern weil er weiß, dass er schon einmal einen ähnlichen Weg gegangen ist.

 

Interessanterweise werden uns solche Ressourcen oft erst dann bewusst, wenn wir sie wirklich brauchen. Sie sind nicht neu – aber sie rücken in den Vordergrund, wenn der Gegenwind stärker wird.

 

Ein anderer Blick auf schwierige Lernphasen

 

Vielleicht besteht die Herausforderung schwieriger Lernphasen nicht nur darin, Hindernisse zu überwinden.

 

Manchmal geht es auch darum, genauer wahrzunehmen, welche Faktoren gerade zusammenspielen – und zwar in beide Richtungen.

 

Was erschwert mir gerade das Lernen? Und auf welche dieser Faktoren habe ich Einfluss?

Was gibt mir Halt – auch wenn ich es gerade kaum sehe?

 

Viele der Dinge, die uns durch herausfordernde Zeiten tragen, sind im Alltag kaum sichtbar. Ähnlich wie die Wurzeln eines Baumes.

Doch vielleicht sind unsere Wurzeln manchmal standfester, als wir denken.

 

Und vielleicht entdecken wir manche davon überhaupt erst dann, wenn Gegenwind aufkommt.

 

Drei Fragen zum Nachdenken

 

💭 Was erschwert dir das Lernen gerade besonders – und auf welche dieser Faktoren hast du tatsächlich Einfluss?

 

💭 Worauf kannst du dich verlassen, wenn es gerade schwieriger wird – auch wenn es im Alltag kaum auffällt?

 

💭 Was würde sich verändern, wenn du den Blick nicht nur auf den Gegenwind richtest, sondern auch auf das, was dir Halt gibt?