Kein anderes Schulfach ist mit so vielen Ängsten verbunden wie die Mathematik – und viele Menschen tragen diese Angst weit über die Schulzeit hinaus mit sich.
Wenn der Anblick einer Gleichung schon den Puls steigen lässt oder das Steuererklärungsformular wochenlang auf dem Tisch liegen bleibt, weil die Zahlen einen einschüchtern, dann ist das keine Seltenheit.
Besonders problematisch: Oft wird diese Matheangst unbewusst an die eigenen Kinder weitergegeben – die kommen dann schon mit der Überzeugung „Ich bin zu dumm für Mathe" in die erste Stunde, bevor sie überhaupt eine Aufgabe gesehen haben.
Wie lässt sich so ein Muster durchbrechen?
1. Überprüfe deine Glaubenssätze
Wenn es um Mathematik geht, verfallen viele Menschen in Schwarz-Weiß-Denken: „Das ist nur was für Jungs", „Entweder man hat das Mathe-Gen oder nicht" oder „Meine Eltern waren schon schlecht in Mathe – was soll ich da erwarten?" Solche Gedanken mögen kurzfristig helfen, Frust zu verarbeiten, aber langfristig verstärken sie das Problem nur.
Statt diese Überzeugungen einfach hinzunehmen, lohnt es sich, aktiv nach Gegenbeispielen zu suchen: Welche Freundin oder Mitschülerin kommt gut mit Zahlen zurecht? Welcher Klassenkamerad ist kein Genie, schlägt sich aber trotzdem ordentlich? Gerade die „mittelmäßigen" Schülerinnen und Schüler sind ein gutes Vorbild – sie zeigen, dass Mathematik kein Alles-oder-Nichts-Spiel ist.
2. Weiche der Mathematik nicht aus
Angst führt uns instinktiv dazu, das Bedrohliche zu meiden. Doch genau das macht die Sache schlimmer. Je mehr wir Mathe aus dem Weg gehen, desto größer und bedrohlicher wird sie in unserer Vorstellung.
Der Gegenentwurf: kleine, regelmäßige Begegnungen in entspannter Atmosphäre. Zum Beispiel beim Einkaufen im Kopf überschlagen, ob das Sonderangebot wirklich günstiger ist. Oder beim Backen die Mengenangaben für eine doppelte Portion selbst ausrechnen, statt das Rezept einfach zu googeln. Jedes noch so kleine Erfolgserlebnis – „Hey, ich hab das ja hingekriegt!" – ist ein wichtiger Schritt weg von der Angst und hin zu mehr Selbstvertrauen.
3. Vermeide negative Bewertungen
„Ich hasse Mathe", „Mathe ist ein Arschloch" oder noch drastischere Aussagen – es ist verständlich, den Frust manchmal rauszulassen. Aber wenn solche Gedanken zur Dauerhaltung werden, stehst du dir selbst im Weg. Denn gegen die Mathematik kann man keinen Krieg gewinnen – die Leute, die den Schulstoff erdacht haben, sind schon lange tot und interessieren sich herzlich wenig für deine Feindseligkeit.
Du musst Mathe nicht lieben. Aber zwischen Liebe und Hass gibt es viele Zwischentöne. Versuch es mal mit: „Mathe und ich haben eine komplizierte Beziehung" – oder, etwas entspannter: „Mathe ist mir nicht unbedingt sympathisch, aber ich komme damit klar." Wenn dich diese Formulierung ein bisschen zum Schmunzeln bringt, ist das schon ein erster hilfreicher Schritt.
4. Denk nicht zu viel an „später"
„Das brauch ich doch sowieso nie wieder!" ist einer der lähmendsten Gedanken überhaupt. Das Gehirn schaltet sofort auf Durchzug, weil es keinen Grund sieht, sich die Mühe zu machen.
Hilfreicher ist es, konkrete Alltagsbezüge zu finden: Zinsen bei einem Kredit berechnen, verstehen warum das Doppelte der Menge nicht immer das Doppelte kostet, oder beim nächsten Renovierungsprojekt selbst ausrechnen, wie viel Farbe man braucht. Wer keine praktischen Anwendungen mag, kann Mathematik auch einfach als Denksport betrachten – als eine Art Escape Room auf Papier, bei dem es darum geht, Gesetzmäßigkeiten zu entdecken und Rätsel zu lösen.
5. Höre auf zu katastrophisieren
Ein bisschen Druck kann motivieren – aber Gedanken wie „Wenn diese Arbeit schiefläuft, schaffe ich das Abi nie!" sind schlicht übertrieben und lähmen mehr als sie helfen.
Die Realität sieht meist entspannter aus: Es hängt fast nie alles an einer einzigen Note. Wer regelmäßig mitmacht, Aufgaben abgibt und im Unterricht präsent ist, kann vieles ausgleichen – selbst wenn die Klausuren nicht glänzend ausfallen. Selbst bei durchgehend mangelhaften Mathe-Klausuren in der Oberstufe ist das Abitur nicht zwingend in Gefahr. Eine Katastrophe ist selten so nah, wie sie sich in der Nacht vor der Prüfung anfühlt.
Wie ist deine Einstellung zur Mathematik? Hast du einen Trick gefunden, um entspannter mit ihr umzugehen – oder sogar ein bisschen Spaß an ihr zu entdecken?
Mehr dazu auch in meinem Vortrag „Warum Mathe lernen? – Glaubenssätze in der Mathematik“ beim 9. LRS Kongress
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